Presse 02/2008

Haare sind "bäh"

26.02.2008, Von Alexandra Trudslev Charlotte Roche, Autorin von "Feuchtgebiete" warnt vor dem Hygienewahn. Tatsächlich fühlen sich immer mehr junge Frauen vom Schönheitsideal unter Druck gesetzt. Männer allerdings auch.

DER KULT UM DEN KÖRPER Dortmund. Wenn Jonas (15) aus der Dusche steigt, dann ist er glatt rasiert. Überall. "Körperhaare sind ekelig, das sehen alle in der Klasse so", sagt er dann zu seiner Mutter. Die 50-jährige Mama kennt selbst noch ganz andere Zeiten. Zeiten, in denen sie ihre feinen Haare am Körper gerne und stolz anschaute. "Junge", sagt Susanne Mönke* dann zu ihrem Sohn, "bevor du alles abmachst, schau doch erst mal was da wächst."

Keine Chance, das ist das Ideal. Überall wird rasiert, epiliert, gerupft, gelasert, bloß ab mit den störrischen Stoppeln. Selbst junge Männer achten offenbar zunehmend darauf, wo und wann es sprießt. Es ist glatt geworden in Deutschland - und einige empfinden diese Entwicklung als Unterdrückung.

Charlotte Roche, Moderatorin und Autorin, hat mit diesem Schönheitsideal Probleme. "Frauen rasieren sich aus vorauseilendem Gehorsam", sagt sie. Es herrsche ein übermäßiger Hygienekult. Anja Kreiser* (40) aus Schwerte meint: "Vor allem junge Menschen stehen da unter Druck." Ihre 14-jährige Tochter hat sich kürzlich die Armhaare rasiert. "Dabei hat sie fast gar keine." Die Antwort der Tochter: "Das machen jetzt viele so." Haare am Körper sind "bäh".

Eine Studie des Rasierklingenherstellers Wilkinson aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass selbst an intimen Körperteilen die Rasierwut zugenommen hat. Demnach rasierten sich 60 Prozent der Frauen zwischen 20 und 29 Jahren selbstverständlich den Genitalbereich. In Großstädten seien es sogar 81 Prozent. Im Internet boomen Schönheitsportale zur Körper- und Intimpflege und suggerieren mit Namen wie "Ganz Ich", dass glatte, haarlose Haut an allen Körperstellen eine Form der Selbstfindung sein kann. Es gibt Tipps für Intimfrisuren. Keinesfalls nur für Frauen. Als Philips vor zwei Jahren den Ganzkörper-Haarentferner für den Mann auf den Markt brachte, war der "Bodygroomer" ein Top-Verkaufsschlager der Firma. Vor zehn Jahren wäre ein solcher Apparat wohl noch ein Tabu gewesen. Ein körperrasierter Mann? In Post-Hippie-Zeiten damals eine Provokation!

Professor Ronald Hitzler, Soziologe an der Dortmunder Universität und Erforscher von Jugendkulturen, beurteilt den Trend zur haarlosen Haut als Antwort auf die wachsenden Möglichkeiten der Körperformung. Denn: "Der Körper ist das einzige, was wir haben, seitdem wir nichts mehr haben." Weil andere Werte wie Religion, Glaube und Moral schwinden würden, sei der Körper das einzig Verlässliche. "Der Körper ist nicht mehr Schicksal, sondern Gestaltungsfläche."

Mit der Folge, so sagt Hitzler, "dass der Druck zunimmt", so aussehen zu müssen, wie es das Ideal gerade vorschreibt. "Wer nichts dahingehend tut, der hat auf dem Beziehungsmarkt weniger Chancen." Und weil im Prinzip alle heutzutage etwas für sich tun könnten, sei die Meßlatte sehr hoch. "Wer es nicht schafft, fühlt sich schlecht", sagt Hitzler. Da sei durchaus Druck, gerade bei jungen Menschen, die noch ausprobierten, die in der Regel nicht so in sich selbst ruhten.

Schönheitsideale wechseln, und sie sind kulturell verschieden. Früher galten in Europa Männer mit Brusthaaren als sehr männlich, Frauen haben als Zeichen ihrer Emanzipation in den 70er Jahren weder ihre Beine noch ihre Achseln rasiert. Auch das eine Form eines Modediktats. Soziologe Hitzler findet das derzeitige Ideal der glatten, haarlosen Haut allerdings "sehr langweilig". Seiner Meinung nach sei es ein "Resultat der stetig effizienteren Körpertechnologie."

Über diesen Markt kann Monika Ferdinand, Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Kosmetikerinnen (BDK), berichten. "Was Haarentfernung angeht, da ist die Produktpalette größer geworden." Von der Sorte des Wachses bis zum Gel zur Nachbehandlung. Vor allem junge Mädchen stünden im Frühling Schlange in den Kosmetikstudios, um sich die Bikini-Zone professionell enthaaren zu lassen. "Seit etwa drei Jahren beobachten wir ein verstärktes Interesse dafür", sagt sie.

Weil das so sei, würden auch viele unseriöse Anbieter versuchen, per Internet und per Direktvertrieb von Epilier-Geräten Geschäfte zu machen. Der Markt mit der glatten Haut floriert. Auch eine Folge dieses Schönheitsideals.

Die 29-jährige Jeanette Heller*, mit feinen blonden Haaren, gehört zu denen, die sich immer schon die Achsel- und Beinhaare rasierten. "Lange schwarze Haare an den Beinen, das geht gar nicht", sagt sie. Auch aus dem Bikini dürfen keine Haare schauen. "Aber so etwas sieht man sowieso fast gar nicht mehr." Weil das so sei, falle eine Frau mit unrasierten Achseln schon auf. Unter Druck gesetzt fühlt sich Jeanette mit diesem Schönheitsideal nicht, "aber", sagt sie, "ich glaube, dass Männer von vielen Frauen mittlerweile erwarten, dass sie überall rasiert sind." Das sei durchaus bedenkenswert.